
Fliegenpilz am Wegesrand – Giftpilz, Glückssymbol und Wesen der alten Geschichten
Fliegenpilz
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Fliegenpilz am Wegesrand – Giftpilz, Glückssymbol und Wesen der alten Geschichten
Direkt am Wegesrand wurde auf dieser Tour ein Fliegenpilz entdeckt. Mit seinem leuchtend roten Hut und den weißen Punkten gehört der Fliegenpilz – wissenschaftlich Amanita muscaria – wahrscheinlich zu den bekanntesten Pilzen überhaupt.
Doch hinter seinem auffälligen Aussehen steckt weit mehr als nur das klassische Bild eines Giftpilzes.
Ein Partner des Waldes
Der eigentliche Pilz befindet sich größtenteils unsichtbar im Boden. Dort bildet der Fliegenpilz ein weit verzweigtes Pilzgeflecht und lebt in enger Gemeinschaft mit Bäumen.
Besonders häufig findet man ihn bei Birken, aber auch Kiefern, Fichten und anderen Bäumen können seine Partner sein. Die feinen Pilzfäden umschließen Teile der Baumwurzeln. Der Pilz versorgt den Baum dabei unter anderem mit Wasser und Mineralstoffen aus dem Boden und bekommt im Gegenzug Zucker, den der Baum durch Photosynthese produziert.
Der rote Fruchtkörper, den wir sehen, ist also nur der sichtbare Teil eines wesentlich größeren Organismus unter unseren Füßen.
Woher kommt der Name „Fliegenpilz“?
Der Name hat wahrscheinlich einen sehr praktischen historischen Hintergrund.
Früher wurden Stücke des Fliegenpilzes beispielsweise in gezuckerte Flüssigkeit oder Milch gelegt und als Mittel gegen Fliegen verwendet. Die darin enthaltenen Stoffe betäubten beziehungsweise berauschten die Insekten.
Daher finden sich alte Bezeichnungen wie „Fliegenschwamm“ oder „Mückenschwamm“.
Vom Giftpilz zum Glückspilz
Heute begegnet uns der Fliegenpilz erstaunlicherweise häufig als Glückssymbol.
Besonders seit Beginn des 20. Jahrhunderts tauchte der rot-weiße Pilz immer häufiger auf Glückwunschkarten, Neujahrsdekorationen, Schmuck und kleinen Glücksbringern auf.
Zusammen mit Hufeisen, vierblättrigem Kleeblatt und Schornsteinfeger wurde der Fliegenpilz zu einem klassischen Symbol für Glück.
Warum ausgerechnet ein Giftpilz zum Glücksbringer wurde, lässt sich historisch nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Seine außergewöhnliche Erscheinung und seine bereits lange bestehende Verbindung zu Sagen, Magie und besonderen Naturerscheinungen dürften dabei eine Rolle gespielt haben.
Der Pilz zwischen Mythos und Wirklichkeit
Kaum ein anderer europäischer Pilz ist so stark mit Märchen und mystischen Geschichten verbunden.
Auf alten und modernen Darstellungen steht der Fliegenpilz häufig neben Zwergen, Elfen, Feen oder Waldgeistern. Der rote Pilz mit seinen weißen Punkten wurde dadurch geradezu zu einem Symbol für den geheimnisvollen Wald.
Diese Vorstellung hat allerdings nicht nur mit Märchen zu tun.
Der Fliegenpilz enthält unter anderem Ibotensäure und Muscimol. Diese Stoffe können das zentrale Nervensystem beeinflussen und unter anderem Wahrnehmungsstörungen und starke Vergiftungserscheinungen verursachen.
Aus verschiedenen Regionen Sibiriens sind historische und ethnografische Berichte über eine rituelle Verwendung des Fliegenpilzes bekannt. Dort wurde er in bestimmten Kulturen im Zusammenhang mit schamanischen Ritualen und veränderten Bewusstseinszuständen genutzt.
Viele moderne Geschichten gehen allerdings deutlich weiter als das, was historisch sicher belegt werden kann. Behauptungen beispielsweise über Wikinger, Weihnachtsbräuche oder bestimmte germanische Rituale werden häufig weitererzählt, sind wissenschaftlich aber wesentlich unsicherer.
Deshalb gilt: Mythologie und belegte Geschichte sollte man beim Fliegenpilz voneinander unterscheiden.
Ein auffälliger Giftpilz
So schön der Fliegenpilz aussieht – er ist kein Speisepilz.
Eine Vergiftung kann unter anderem Übelkeit, Erbrechen, Herz-Kreislauf-Reaktionen, Wahrnehmungsstörungen, Verwirrtheit und neurologische Symptome hervorrufen.
Für unsere Tour gilt daher ganz einfach:
Anschauen, fotografieren und stehen lassen.
Welche weiteren Pilze kann man in dieser Landschaft entdecken?
Die Wälder Brandenburgs werden stark von Kiefern geprägt. Hinzu kommen unter anderem Birken, Eichen und andere Laubbäume. Dadurch entstehen Lebensräume für zahlreiche verschiedene Pilzarten.
Je nach Jahreszeit, Niederschlag, Boden und Baumbestand können beispielsweise vorkommen:
• Maronenröhrling
Der auch „Marone“ genannte Röhrling gehört zu den häufig gesammelten Pilzen der Brandenburger Wälder und ist besonders typisch für Kiefernstandorte.
• Steinpilz
Verschiedene Steinpilzarten können auch in Brandenburg gefunden werden. Sie leben wie der Fliegenpilz in einer Gemeinschaft mit Bäumen.
• Kiefern-Steinpilz
Besonders in Kiefernwäldern und sandigen Waldgebieten kann diese Steinpilzart vorkommen.
• Pfifferling
Auch Pfifferlinge gehören zur Pilzflora Brandenburger Wälder. Sie wachsen häufig auf eher nährstoffarmen Waldböden.
• Birkenpilz
Wo Birken stehen, kann auch der Gemeine Birkenpilz auftreten. Er ist eng an seinen Baumpartner gebunden.
• Rotkappen
Verschiedene Rotkappen können vor allem in Bereichen mit Birken und anderen passenden Wirtsbäumen vorkommen.
• Täublinge
Von dieser großen Pilzgattung gibt es zahlreiche Arten. Viele leben als Mykorrhizapartner von Bäumen und sind auch in Kiefernwäldern typisch.
• Perlpilz
Auch diese Wulstlingsart kommt in Brandenburg vor. Für unerfahrene Sammler besteht jedoch Verwechslungsgefahr mit giftigen Arten.
• Pantherpilz und Knollenblätterpilze
Auch giftige beziehungsweise sehr giftige Arten gehören zur natürlichen Pilzflora. Gerade deshalb sollte niemals allein anhand eines Fotos oder einzelner Merkmale entschieden werden, ob ein Pilz essbar ist.
Die genannten Arten sind typische beziehungsweise in Brandenburg nachgewiesene Vertreter entsprechender Waldlebensräume. Das bedeutet nicht, dass jede dieser Arten genau an dieser Stelle unserer Tour vorkommen muss.
Pilze verändern den Blick auf den Wald
Vielleicht läufst du beim nächsten Waldstück etwas aufmerksamer.
Ein Pilz ist nämlich nicht einfach nur etwas, das plötzlich nach einem Regentag aus dem Boden wächst. Unter deinen Füßen befinden sich riesige unsichtbare Netzwerke aus Pilzfäden, die Bäume mit Nährstoffen versorgen, abgestorbenes Holz zersetzen und damit wesentlich zum Funktionieren des Waldes beitragen.
Der Fliegenpilz am Wegesrand ist deshalb mehr als ein schönes Fotomotiv.
Er ist ein sichtbares Zeichen für eine ganze Welt, die sich größtenteils verborgen unter dem Waldboden befindet.
Hinweise & Quellen
Hinweise vor Ort
Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist giftig und nicht zum Verzehr geeignet. Er enthält unter anderem Ibotensäure und Muscimol, die erhebliche Vergiftungserscheinungen auslösen können.
Bitte den Pilz möglichst an seinem natürlichen Standort belassen. Kinder und Hunde sollten keine Pilzteile aufnehmen.
Das Trocknen oder Erhitzen macht Fliegenpilze nicht zuverlässig ungefährlich.
Wildpilze niemals ausschließlich anhand von Fotos, Apps oder einzelnen Merkmalen als essbar einstufen. Im Zweifelsfall eine anerkannte Pilzberatungsstelle aufsuchen.
Bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung umgehend ärztlichen Rat beziehungsweise eine Giftnotrufzentrale kontaktieren. Bei schweren Symptomen die 112 wählen.
Bitte die umliegende Vegetation schonen und keine Pilzstandorte unnötig beschädigen.
Quellen
Deutsche Gesellschaft für Mykologie – Fliegenpilz, Pilz des Jahres 2022 (Biologie, Geschichte und Mythologie)
https://www.dgfm-ev.de/de/ueber-uns/news/pilz-des-jahres-2022-fliegenpilz
Bundesinstitut für Risikobewertung – Risiko Pilze, Einschätzung und Hinweise
https://www.bfr.bund.de/cm/350/risiko_pilze.pdf
Ministerium für Gesundheit Brandenburg – Pilzberatung und sicheres Sammeln
https://masgz.brandenburg.de/masgz/de/themen/gesundheit/umweltbezogener-gesundheitsschutz/pilzberatung/
Deutsche Gesellschaft für Mykologie – Allgemeine Pilzkunde und Naturschutz
https://www.dgfm-ev.de/de/
